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Wiglaf Droste – Viel zu früh: Häuptling schweigender Herd

Unerwartet jung verstorben: Wiglaf Droste war vielseitig, aber doch immerzu Wiglaf Droste. Ob als Autor, Journalist, Schriftsteller oder Polemiker, er war und blieb zeitlebens eine verlässliche Instanz.

Profiliert und versiert, streitbar und zugleich unterhaltsam. Die zahlreichen Nachrufe in den wenigen verbliebenen Feuilletons des Medienbetriebs kommen nicht von ungefähr. Droste ist und bleibt eine Respektperson, auch wenn er selbst beständig respektlos war. Sein Umgang mit der Sprache beeindruckend, seine Kritik wahlweise gefürchtet oder geschätzt. Abgesehen von seinem umfangreichen journalistischen und künstlerischen Vermächtnis, über welches ausgiebig in der FAZ berichtet wird, ist es zudem sein Bekenntnis zum Feinschmeckertum, welches ebenso Anerkennung und Beachtung verdient.

Noch bevor 2002 Food Watch erstmals den Betrieb aufnahm, legte Droste bereits 1999 gemeinsam mit dem Koch Vincent Klink die Zeitschrift „Häuptling eigener Herd“ auf. Laut Selbsteinschätzung eine ‚kulinarische Kampfschrift‘. Das Blatt brachte es auf mehr als 50 Ausgaben und unterscheidet sich selbst heute noch hinsichtlich des Inhalts dank zahlreicher Gastautoren wie Fritz Eckenga (Milch, Käse und Köttel. Ansichtskarte aus der Tessiner Bergwelt) von der handelsüblichen Berichterstattung in gewöhnlichen Feinschmeckergazetten. Erwähnenswert sind auch die Illustration von wechselnder Gastillustratoren, darunter Toni Ungerer, Ari Plikat oder Philipp Waechter.

Droste gelang das Kunststück, die gemeinhin allzu humorlose Schreiberei über das Essen und Trinken mit Witz anzureichern. Die Junge Welt, für die Droste bis zu guter Letzt schrieb, berichtet in ihren Nachruf auf ihn, dass er unlängst sogar noch vor hatte, den „Häuptling“ erneut herauszubringen.

Klink, ein ohnehin allseits bekannter Grantler, stemmte seinerzeit zusammen mit Droste eine Publikation, die wegweisend für eine Neu-Interpretation des Begriffs „Gourmet“ steht. Aber wenn es ums Granteln geht, kommt Klink bei weitem nicht an Droste auf der nach oben offenen Grantel-Skala heran. Denn dieser übte sich nicht erst Mitte der neunziger Jahre in diesem Fach, wo seine Lesungen aufgrund der Kurzgeschichte „Schokoladenonkel“, erschienen 1993 in der Satire-Zeitschrift Titanic und wie die Zeit berichte, zeitweise sogar den Einsatz von Ordnern erforderte.

Zudem veröffentlichte Droste zusammen mit Nikolaus Heidelbach und Klink beim Dumont-Verlag fünf Bücher mit den Titeln „Weihnachten“ (2007), „Wein“ (2008), „Wild“ (2010), „Liebe“ (2012) sowie „Wurst“ (2015), ebenfalls ausgestattet mit jenem Mehrwert an Unterhaltung, wie er auf Foodblogs über die Sternegastronomie oder Ernährungsschulen selbst in Ausnahmefällen nicht zu finden ist.

Ein Lebemann, der auch schon mal schwer angeschickert versuchte eine Vorstellung zu geben, in der  der Vortrag seines Gedichts „Draußen nur Kännchen“ dank übermäßigem Alkoholgenuss zu einen „Singsang“ mutierte und den Veranstalter veranlasste, die Veranstaltung vorzeitig zu beenden, wie die Mitteldeutsche Zeitung zu berichten weiß.

Wiglaf Droste hat die Messlatte für zünftige Formulierungen in Wort und Schrift nicht nur über Speisen und Getränke extrem hochgelegt. Insofern bleibt er der Nachwelt auch weiterhin als feststehende Größe wider der Piefigkeit des Alltäglichen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in bester Erinnerung. Diese sollte ihm zumindest anlässlich unvergesslicher Beiträge wie die „Verteidigung der Kartoffel gegen Veronika Ferres“ ohne Einschränkung vergönnt sein…

 

Text: Manfred Tari
Illustration: © – Wolfgang Sangmeister

 

 

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